Vorstellung einer Pilotstudie in Manchester
In Manchester kamen am 17. und 18. November Experten aus den Mitgliedsstaaten Irland, GB, Holland, Österreich und Finnland zusammen, um die Studie und die Erfahrungen mit der Umsetzung der VO zu diskutieren.
Durch die VO 21/2004 trifft ab 2008 jene Mitgliedsstaaten, die mehr als 600.000 Schafe haben, die verpflichtende Einführung der elektronischen Kennzeichnung. (Österreich fällt nicht darunter.) Dazu hat das Department for Environment Food and Rural Affairs (DEFRA) eine Pilotstudie mit 69 englischen Betrieben durchgeführt. Man wollte sich ansehen, ob und wie solche Systeme in der Praxis funktionieren, und wie die Landwirte damit zurecht kommen. Diese Studie wird auch in den Bericht der Kommission an den Rat einfließen, wie in der VO 21/2004 zur Bestimmung des tatsächlichen Zeitpunkts der Einführung vorgesehen.
Schafhaltung in Großbritannien
Die durchschnittliche Betriebsgröße in Großbritannien liegt etwa bei 700 Mutterschafen, Spitzenbetriebe haben tausende Tiere. Durch das milde Klima werden die Schafe ganzjährig draußen gehalten. Die Herden mischen sich mit denen der Nachbarn, daher wurden die Tiere bisher mit Ohrkerben und Farbspray markiert. Kein Landwirt weiß aber genau, wie viele Schafe er tatsachlich besitzt. Lediglich zum Ablammen werden die Tiere teilweise eingestallt.
Fotos 1-3
Die Pilotstudie
Sowohl die Landwirte als auch die Leute des DEFRA gingen mit großen Erwartungen an die Arbeit. Man erhoffte sich Verbesserungen in der Seuchenbekämpfung, einfachere und schnellere Abwicklung beim Verkauf größerer Tiermengen und eine Modernisierung in der Landwirtschaft.
Sämtliches Material (Ohrmarken, Scanner, Software, etc.) wurde von DEFRA den Beteiligten kostenlos zur Verfügung gestellt. Über 122.000 elektronische Kennzeichen (Knopfohrmarken, „overfold“ Ohrmarken, Bolus in 2 Größen) von 2 verschiedenen Anbietern wurden verteilt.
Fotos 4-6
verlorene Ohrmarken
Die Betriebe hatten unterschiedlich mit verlorenen Ohrmarken zu kämpfen. Die Verlustrate lag durchschnittlich bei 2% bis 9%, in einem Fall jedoch verloren 42% der Tiere ihre Ohrmarken. Man erklärte sich diesen Umstand mit der falschen Jahreszeit, in der die Kennzeichnung stattfand. Die Fliegen waren sehr aktiv und Infektionen und Eiterungen der Ohren begünstigten das Ausreißen der Ohrmarken.
Das Verabreichen des Bolus erwies sich als verhältnismäßig einfach.
Fotos 7-9
Lesbarkeit
Es waren auch einige Transponder nicht lesbar (Bolus und Ohrmarken 0,15% bis 0,78%, Spitze war 3%). Daher arbeitete man Regeln aus, dass ein Transponder erst gescannt werden muss, bevor er verabreicht wird. Auch das Tier muss vorher gescannt werden, ob es nicht bereits einen Bolus besitzt.
Handling
Das Ablesen mit dem Scanner ist beim Bolus wesentlich schwieriger als bei der Ohrmarke, da die Entfernung zum Transponder max. 12 cm betragen darf. Man muss sich seitlich zum Schaf hinunterbücken, was von den befragten Landwirten sogar als gefährlich eingestuft wurde. Besonders bei Durchtreibegattern, wenn es schnell gehen muss, kann man sich schon mal den Arm brechen.
Fotos 10-12
Außerdem geht das Lesen recht langsam und die Schafe stehen nicht still, sodass es oft vorkam, dass eine ganze Gruppe nochmals gescannt werden musste, weil ein Schaf nicht auf der Nummernliste erschien. (Nur welches???)
Zuverlässigkeit
Die Zuverlässigkeit der Lesegeräte unter Praxisbedingungen war ebenfalls verbesserungswürdig. Unter sehr kalten (Winter) oder feuchten Bedingungen (Tiere nass, Regen) wurden Geräteausfälle beobachtet. Oftmals war das Gerät auch nicht betriebsbereit, weil das Aufladen über Nacht vergessen wurde.
Datenverarbeitung
Die meisten Probleme ergaben sich aber beim Verarbeiten der Datensätze auf dem Betrieb. Die Landwirte brachten unterschiedlich gute PC-Kenntnisse mit und teilweise wurde das Hochladen der Daten von Dritten übernommen. Trotzdem brauchte es unglaublich viel Zeit, um die Programme zum Laufen zu bringen. Man kämpfte mit inkompatiblen Systemen, der Internetverbindung (Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit) und mit der Software zum Hochladen der Nummern in die zentrale Datenbank. Der Schulungsaufwand wurde massiv unterschätzt. Durchschnittlich waren 13 Betriebsbesuche mit über 30 Expertenstunden je Farm notwendig. Außerdem wurde eine Telefonhotline eingerichtet. Insgesamt wurde der Personalaufwand für Installierung, Schulung und Telefonservice mit 61 Mannstunden pro Farm berechnet. Im Hinblick auf eine EU-weite Einführung der elektronischen Kennzeichnung scheinen diese Kosten schier unleistbar, obwohl die Heranführung der Landwirte an den Computer und moderne Managementsysteme durchaus einen großen Fortschritt bedeuten würden. Bedenkt man aber das durchschnittliche Alter der Farmer z.B. in England mit 58 Jahren, so scheint die Durchführbarkeit nicht sehr wahrscheinlich.
Ausblick
Die Ergebnisse der Studie sind nicht sehr ermutigend, wenn man bedenkt, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, die technischen Standards soweit zu verbessern, um eine reibungslose Funktion unter Praxisbedingungen zu gewährleisten. Der Schulungsbedarf der Landwirte ist enorm und wurde bei der ersten Kostenschätzung überhaupt nicht berücksichtigt. Es soll Druck auf die Kommission ausgeübt werden, den Zeitpunkt der verpflichtenden Einführung der elektronischen Kennzeichnung zu verschieben und eine Kosten-Nutzen-Berechnung durchzuführen. Außerdem wird man sich etwas überlegen müssen, wie die Aufzeichnungspflichten künftig zu handhaben sein werden. Denn sollte die elektronische Kennzeichnung nicht kommen, so müssen alle Einzeltiernummern im Bestandsregister und auf den Begleitpapieren auch bei großen Herden auf Papier dokumentiert werden!
Beim Gespräch mit Mr. Dalton wurde klar, dass die englischen Schafhalter keinen Nutzen in der elektronischen Kennzeichnung sehen, sondern nur Kosten. Keiner der Betriebe würde sich die komplette Ausrüstung an Lesegeräten, Computern und Software kaufen. Ein Vorschlag wäre, dass die Ablesung der Nummern direkt am Markt geschehen könnte und der Bauer bekommt lediglich einen Ausdruck mit seinen Nummern. Das würde vieles vereinfachen, ist aber nicht verordnungskonform.
Auch in Spanien wurde eine Pilotstudie durchgeführt, die Ende November vorgestellt wird. Hier wurden angeblich etwas bessere Ergebnisse erzielt.
Der Bericht, den die Kommission bis zum Juni 2006 dem Rat vorlegen muss, ist auch für die österreichischen Betriebe spannend, da für uns die Aufzeichnungen auf Einzeltierbasis zumindest in Papierform ebenfalls mit 2008 verpflichtend werden.
Ein Reisebericht von Dr. Margit Schmidt
1 Regionaler Schulungsleiter (li) und Mr. Dalton (re) von der Aston Hall Farm in Derbyshire; Er vermarktet rund 1.000 Lämmer und Schafe im Jahr und transportiert sie in Partien zu etwa 30 Tieren selbst zum Markt
2 sanfte Hügel, saftige Weiden in England
3 Mr. Dalton zeigt der Delegation sein Land
4 “Overfold” Ohrmarke
5 Bolus in 2 verschiedenen Größen
6 Knopfohrmarke, ein eletronischer Transponder ist eingegossen
7 Applikator für die Eingabe des Bolus
8 Handhabung des Applikators bei der Verabreichung eines Bolus
9 Ausgerissene Ohrmarke
10 Scannermodell
11 Ein weiteres Scannermodell, im Hintergrund Mr. Dalton mit Tochter und Sohn, die bei ihm die Datenverarbeitung übernommen haben. Er selbst greift keinen Computer an!
12 Scanvorgang beim Bolus

1) Regionaler Schulungsleiter (li) und Mr. Dalton (re) von der Aston Hall Farm in Derbyshire; Er vermarktet rund 1.000 Lämmer und Schafe im Jahr und transportiert sie in Partien zu etwa 30 Tieren selbst zum Markt











