Welcher Erreger verursacht Lippengrind?
Welche Faktoren sind nötig bzw. begünstigen einen Ausbruch mit Lippengrind? Wie erfolgt eine Ansteckung mit dem Virus?
1. Der Erreger des Lippengrinds
Ausgelöst wird die Erkrankung durch das pockenähnliche Virus Parapoxvirus ovis. Diese Parapoxviren sind behüllt, zapfenähnlich bis eiförmig geformt und sind nur im Elektronenmikroskop gut darstellbar, weil diese Viren nur maximal 300 × 170 nm groß sind.
PARAPOXVIREN SIND SEHR WIDERSTANDSFÄHIG UND BLEIBEN IN TROCKENER UND LICHTGESCHÜTZTER UMGEBUNG, WIE ES IN STÄLLEN DER FALL IST, OFT JAHRELANG INFEKTIÖS.
Dieser Umstand ist beim Krankheitsmechanismus zu berücksichtigen. Vor allem an Stallgeräten, in der Einstreu, an den Heuraufen und an sonstigen Aufstallungsteilen haften die Erreger an und durch Kontakt mit diesen Einrichtungen stecken sich andere Tiere wieder an. Das meiste Virus befindet sich in den Krusten an den betroffenen Hautstellen der Tiere. Fallen diese Krusten ab bzw. werden diese abgekratzt und in die Einstreu fallen gelassen, wird die Einstreu bzw. der Stall kontaminiert.
Setzt man diese Viren starkem Sonnenlicht aus, werden sie auch frühestens nach 1 Monat zerstört. Auch hohe Temperaturen bis über 55°C machen dem Virus nur wenig aus – erst eine Temperatur über 64°C für mehrere Minuten inaktiviert das Virus, was bei Desinfektion mittels Wasserdampf zu beachten ist. Alle handelsüblichen Desinfektionsmittel, die viruzide Wirkung aufweisen, können jedoch verwendet werden, um das Virus abzutöten.
2. Wie erfolgt die Ansteckung mit dem Lippengrinderreger?
Das Virus wird über die Sekrete bzw. Krusten der befallenen entzündeten Hautstellen abgesondert und gelangt so in die Umwelt. Andere Tiere stecken sich dann entweder durch direkten Kontakt oder durch Pflegegeräte (z.B. Schermaschinen, Stallgeräte, etc.) an. Vor allem an vorgeschädigten Hautstellen (kleine Wunden an Haut und Schleimhäuten) dringt das Virus ein und vermehrt sich dann, bis erste Symptome auftreten.
Sauglämmer stecken sich oft an den Eutern der Muttertiere an bzw. verläuft dieser Krankheitsmechanismus auch umgekehrt, indem kleine Bisswunden an der Zitzenbasis mit dem Virus kontaminiert werden, wenn die Lämmer unter der Lippenform des Lippengrinds leiden.
Eine besonders rasche Ausbreitung in der Herde erfolgt meist bei sehr enger Haltung im Stall, des weiteren durch schlecht gereinigte Futtertröge und Tränkebecken bzw. bei mutterloser Aufzucht bemerkt man eine rasend schnelle Vermehrung der Krankheitsfälle besonders dann, wenn die Zitzenbecher der Lämmertränken nicht regelmäßig desinfiziert werden und bereits an Lippengrind erkrankte Lämmer nicht aussortiert und getrennt aufgestallt werden. Vor allem Lämmer, die zuwenig Kolostrum aufgenommen haben, sind besonders anfällig für Lippengrind, da ihnen wichtige Abwehrstoffe fehlen. In trockenen Jahren hat sich gezeigt, dass ein seuchenartiger Verlauf der Erkrankung häufiger vorkommt als in nassen Jahren.
Vitaminmangel (besonders Vitamin A) wirkt sich negativ auf den Verlauf der Erkrankung aus. Die Lämmer sind dann besonders stark betroffen und erholen sich nur schwer wieder. Häufig bemerkt man einen seuchenartigen Verlauf auch während der Lammzeit – bedingt durch die stärkere Anfälligkeit von Lämmern bzw. hat man herausgefunden, dass Stressbelastung der Herde den Ausbruch der Erkrankung begünstigen.
Bei geschwächtem Immunsystem der Lämmer und Muttertiere – bedingt durch andere Stressfaktoren wie mangelhafte Hygiene, mangelhafte Ernährung, enge Aufstallung, schlechte Haltung, andere Krankheiten, etc. – sieht man häufig einen seuchenartigen und bösartigen Verlauf des Lippengrinds in den Herden.
Bemerkenswert ist beim Lippengrind, dass er innerhalb von einigen Jahren immer wieder seuchenhaft auftritt, danach bemerkt man einige Jahre nur sporadisches Auftreten in der Herde, wobei dann hauptsächlich nur mehr einzelne Lämmer betroffen sind (v.a. von neuzugegangenen Muttertieren aus anderen Herden), Muttertiere erlangen eine mehrjährige gute Immunität und geben diese Immunstoffe auch über die Muttermilch weiter, diese reicht aber in den meisten Fällen nicht dazu aus, um die Lämmer vor einer Erkrankung zu schützen. Nach wenigen Jahren schwächt diese Immunität wieder ab und vor allem neugeborene Jungtiere sind wieder voll empfänglich. Neue Viren werden v.a. durch Zukaufstiere wieder in die Herde eingeschleppt und verursachen dann wieder neue Seuchenzüge.
Vor allem Stress (z.B. lange Transporte, Geburtsvorgang, etc.) bewirkt bei erwachsenen Tieren, die latente Virusträger sind, eine Ausschüttung großer Virusmengen und dadurch eine Ansteckung der Jungtiere.
